1513 - Lopez (G)



Kleiner herzformiger Wasserfall

Ich, Dom Fernando Lopez,
Portugiesischer Offizier und Gentleman,
begleitete Alfonso Albuquerque, den Marinengeneral,
während des Kämpfens zwischen den Portugiesen und den Indern
auf seiner ersten Seefahrt nach Goa.
Und als er
zur Ergänzung seiner Truppen nach Europa zurückkehrte,
wurde mir das Kommando anvertraut
mit dem Auftrag, die Einheimischen zu verwalten
und den Frieden aufrechtzuerhalten.
Viele meiner Männer, welche einheimische Frauen geheiratet
und sich in der Tat mit den Muslimen angefreundet hatten,
konvertierten allerdings zum Islam.
Auf seiner Rückkehr stellte er auf diese Weise fest,
dass wir desertiert waren,
und dass sich die Garnison
nicht mehr in portugiesischen Händen befand.
Er eroberte wieder das Territorium, und ich
zusammen mit anderen abtrünnigen Christen
wurde vor den grossen Alfonso gebracht;
Der befahl, dass uns die rechten Händen,
die Daumen der linken Hände,
die Ohren und die Nasen abzuschneiden
und die Haare und die Bärte
mit Venusmuschelschalen abzukratzen waren,
und zwar im Sinne eines furchtbaren Beispiels der Strafe
für Verrat und Bosheit gegen Gott und den König.

Als Alfonso verstarb, bin ich
- meinen Landsleuten ein Objekt der Verachtung
und von den Einheimischen gemieden und gehasst –
als blinder Passagier auf einem heimwärts fahrenden Schiff entkommen,
denn ich sehnte mich
nach der Geborgenheit meiner Frau und meines Kindes,
die mich geliebt hatten.
Als das Schiff aber weiter fuhr und wir uns immer mehr unserem Ziel näherten,
begann ich
- armseliger, elender und gezeichneter Gefangener und Verräter -
die Art meines Empfangs anzuzweifeln.
Und als das Schiff an der Insel St. Helena vor Anker legte,
floh ich in den Wald und versteckte mich.

Meine Genossen suchten nach mir,
nach kurzer Zeit segelten aber ab;
sie hinterliessen etwas trockenes Fleisch,
alte Kleidung und Feuer
sowie einen Brief, in welchem stand,
dass ich beim Anlegen eines Schiffes Zeichen geben sollte.
Und so begann ein neues Leben.
Hier fand ich Trost und Frieden.
Und die Verlassenheit war mir willkommen,
denn es gab niemanden,
welcher durch meine Missgestalt
aufzuschrecken und anzuwidern wäre.
Mit dem Stumpf meines rechten Arms und meinen verbleibenden vier Fingern
schaufelte ich ein Obdach in einer weichen Erdmauer aus,
und zwar für mich und meine Siebensachen.
Dann schritt ich fort,
um Feuersteine zu suchen, die ich gegeneinander zusammenschlug.
Und als angezündet wurde, bewahrte ich sie auf
für den Fall, dass sich mein Feuer löschte.
So konnte ich weiter erforschen,
wanderte durch die Wälder und fand viele zarte Gräser,
die wohlschmeckend waren, und die ich mit Salz kochte;
ich ernährte mich an diesen und an den Fischen,
welche ich fangen konnte.

Ein Jahr lang lebte ich zufrieden und alleine,
bis mir eines Tages mein Herz stockte,
denn ein Schiff steuerte vollen Segels auf meine Insel zu,
ein Schiff, das ich als portugiesisch erkannte.
Wie wäre es wohl gewesen,
wenn man mich gefangen und
zurück in die Sklaverei in Indien genommen hätte?
Den ganzen Tag
versteckte ich mich im Walde,
und dann wagte ich mich Mut fassend zu meiner Höhle,
wo ich Geschenke
von Samen und vielen Lebensmitteln sowie einen Brief fand,
den mich darum bat, mich nicht zu verstecken.
Ich schaute das Schiff an,
als es dem Wind die Segel ausbreitete
und anfing, sich vom Ufer zu entfernen;
dann fiel auf einmal flatternd ins Wasser etwas,
was ich schliesslich als Vogel wahrnahm,
einen Hahn,
der hilflos im Meer schwamm.
Wie ich ein Ausgesetzter,
ein weiteres Opfer der Herzlosigkeit des Schicksals.

Ich stürzte mich ins Meer und schaffte es,
wegen meines verstümmelten Zustandes mit etwas Schwierigkeit
das halbertrunkene Geschöpf zu retten
und es ans Land zu bringen, wo ich es
an meinem Feuer trocknete und ihm mit etwas Korn fütterte.
Wir freundeten uns so liebevoll an,
dass der Hahn meinem jeden Schritt folgte
und – wie ein Hund – auf meinen Anruf kam.
Er teilte mit mir das Essen
und hockte sich nachts mit mir in meinem Loch nieder.
Demzufolge trat Geselligkeit in mein Leben,
und zehn Jahre lang lebten wir auf der Insel,
wobei wir uns bei jedem Erscheinen eines Schiffes versteckten.
Meine Höhle wurde oft
von portugiesischen Marinen besucht,
die Geschenke von Lebensmitteln
und Samen- und Pflanzengut hinterliessen.
Ich züchtete Enten und Hühner,
auch Schweine und Ziegen,
welche alle sich vermehrten und in den Wäldern verwilderten.

Beim Vergehen der Zeit
wurde ich weniger schüchtern,
und mein Ruf erreichte König John den Dritten,
der mir einen Brief schickte,
der mir versprach,
bei meiner Rückkehr nach Lissabon Asyl zu gewähren.
Mein früheres Vertrauen in die Religion
brach langsam meine Abneigung gegen Gesellschaft,
und ich ging an Bord eines heimwärts fahrenden Schiffes.
Der Inseleremit,
welcher sich nur an das Geräusch
von gegen Felsen krachenden Wellen gewöhnt hatte,
wurde von den hetzenden Gedrängen
und der regen Lebensart der Lissabonner
überwältigt.
Es machte mir Angst.
Mein einziger Entschluss war es,
zu meiner Insel zurückzukehren,
und zwar sobald ich dem Papst meine Beichte abgelegt
und mit Gott Frieden gemacht  hatte.
Und so ging ich nach Rom,
wo ich weinend meine Geschichte
des Doppelverbrechens preisgab,
also des Treubruchs und davon,
dass ich zu den Waffen zugunsten der Heiden griff.
Ich hatte nur noch einen einzigen Wunsch,
welchen ich dem Papst äusserte:
Ich sehnte mich nach der Rückkehr zu der Insel
und zur Einsamkeit.
Da gab mir der Papst ein Schreiben für den König
und eine sichere Überführung nach St. Helena.


Dort in der tiefen Schlucht, die runter zum Meer führt, und auf deren Oberteil sich ein kleiner herzförmigen Wasserfall befindet, lebte Fernando Lopez selig; er sorgte für seine Obstbäume und für sein Geflügel, er sass in gelassener Einsamkeit in der Sonne, bis zu seinem Tode in 1545 – nachdem er nahezu dreissig Jahre auf St. Helena gelebt hatte.

In der Zwischenzeit verwüsteten allmählich die freigesetzten Ziegen die uralten Forste von Gummibäumen und andere einzigartigen, die Insel kolonisierenden Pflanzen.