1502 - Juao de Nova (G)



James Bay


Jahrhundertelang wurde der Handel zwischen dem Orient und Europa durch die Kaufleute der grossen italienischen Städte Venedig und Genua dominiert. Seiden, Gewürze sowie viele andere wertvolle Waren wurden über das Festland bis zur arabischen Küste und in Schiffen über das Mittelmeer befördert.

Die Portugiesen, eine Seefahrernation ohne direkten Zugang zum Mittelmeer, erforschten immer weiter die unberührte Küste Westafrikas entlang; 1487 umschiffte der Seefahrer Bartholemew Diaz das Kap der Guten Hoffnung.

Emmanuel der Begünstigte, König von Portugal, beauftragte später eine Flotte unter der Leitung von Vasco da Gama, jenseits des Kaps der Guten Hoffnung zu schiffen mit dem Ziel, eine direkte Seestrasse nach Indien zu finden.

Da Gama erreichte schliesslich die Westküste der indischen Halbinsel. Ohne Zeitverschwendung wurden Festungen erbaut und Handelszentren etabliert, von denen das Hauptinteresse Calicot galt.

Den Arabern, welche jahrhundertelang über das Monopol des Handels zwischen dem Mittelmeergebiet und Indien verfügten, gefiel die Konkurrenz nicht, und sie fingen an, Massnahmen zum Zurücktreiben der europäischen Eroberer zu ergreifen mit dem Ergebnis, dass es bald offener Krieg zwischen den Portugiesen und dem König von Calicot herrschte.





Anno 1502

Mir, Juao de Nova,
Admiral der portugiesischen Marine,
wurde befohlen, in aller Hast
als Vorpartei mit drei Schiffen
den portugiesischen Kommandanten in Indien, de Cabral,
der sich mitten im Gefecht befand,
zu verstärken.

Nach einer stürmischen Schifffahrt entlang die Westküste Afrikas
und um das Kap der Guten Hoffnung
gelangten wir in den Indischen Ozean und schliesslich
an unser Ziel Calicot.
Da trafen, attackierten und besiegten wir eine Flotte des Zamorins,
welcher des Herrschers von Calicot war.
Und ich wurde danach zum Kommandanten
der nach Europa zurückkehrenden Flotte ernannt.
Nachdem wir das stürmische Kap der Guten Hoffnung umschifft
und vom südöstlichen Passatwind getrieben
einen zielgerichteten Kurs
über den grossen Südatlantischen Ozean gesteuert hatten,
rief ein Seemann vom Mastkorb aus „Land in Sicht!“
Am Horizont lag anscheinend ein enormer Fels,
welcher aus dem Ozean dramatisch herausragte,
und über welchem eine leichte Wolkendecke schwebte.
Da es der 21. Mai, St. Helena-Tag, war,
nannte ich sofort die unbekannte Insel „St. Helena“.
Wir legten uns vor Anker in einer Bucht
auf der geschützten, nördlichen Leeseite der Insel,
unter dem Schutz der vorspringenden Klippe.
Und nachdem wir im gegenüber unserem Ankerplatz befindlichen,
tiefen Tal einen Bach frischesten Wassers gefunden hatten,
fingen wir sofort an zu erforschen.

Da der Hafen am Kap der Guten Hoffnung
weder ein guter noch ein sicherer
und unter gewissen Umständen ein äusserst gefährlicher war,
fiel mir sofort ein die lebenswichtige Bedeutung
der Entdeckung dieses unerwarteten, gigantischen Felsens
mit steilen, kahlen Klippen
im Kurs des stets blasenden südöstlichen Passatwinds.
Hier war der ideale Ort, der als Lebensmittelstätte
für unsere vom Orient zurückkehrenden Schiffe benötigt würde.
Künftig genügte es nach erfolgreichem Umschiffen
des Kaps der Guten Hoffnung
lediglich, mit gesetzten Segeln vor dem Passatwind zu fahren,
bis St. Helena und ein sicherer Ankerplatz erreicht wurde.

Wir fanden keine Bewohner auf der Insel,
aber etliche Seevögel, Seelöwen und Wasserschildkröten,
welche sich an den vielen im Meer wimmelenden Fischen sättigten.
Und wir fanden auch immer wieder zahlreiche,
grosse fliegende Fische, die auf den Decks lagen.
Diese wohl von den Schiffslichtern angezogenen, nächtlichen Besucher
sehr süssen und delikaten Geschmacks
waren oft achtzehn Zoll lang
und wogen bis sechsundzwanzig Unzen.
Zahlreiche Tümmler – manchmal mehr als fünfzig zusammen -,
die offenbar den reichlichen Scharen Makrelen folgten,
wurden an der Mündung der Bucht bemerkt,
und meine Männer fingen in den sandartigen Ablagerungen
und in den Felsenspalten Aale,
deren Körper schuppenlos und besonders wohlschmeckend waren.

Das Terrain war gebirgig, aber im Gegensatz zur jähen Küste
war das Landesinnere mit dichten Wäldern gedeckt.
Und es gab eine Fülle von Kräutern und Fruchten
sowie viele Quellen frischen Wassers.
Es mangelte jedoch überraschenderweise an Landvögeln,
wobei die einzige wahrgenommene Art klein war,
spindeldürre Beinchen hatte,
lief über den Boden,
erhob sich gelegentlich
und glitt knapp über dem Boden für kurze Strecken.
Obwohl die Insel so klein war,
dass man überall Ausblick über den Ozean hatte,
war deren Überqueren kein leichtes Unterfangen,
denn sie war von tiefen, halsbrecherischen Tälern und Schluchten durchkreuzt,
welche scheinbar mit einer gigantischen Axt ausgehackt worden war.
Die Felsenformen waren bizarr,
die Erde in jeglichem denkbarem Farbton.
Die fernen Hügel waren purpurn, rot
und in sämtlichen Tönen des Ockers
gegenüber dem Tiefblau des Atlantischen Ozeans.

Auf den nasseren zentralen Gipfeln
fanden wir viele seltsame Pflanzen
und gigantische Farnkräuter, die eher Palmen ähnelten und
bis zu einer Hohe von etwa zwölf Fuss wuchsen,
ihre Stämme mit haarartigen Wurzeln gespickt,
ihre dunkelgrünen Wedel mehr als eine Ellenlänge.
Anscheinend ein gigantischer, sich ausbreitender Kohl,
der bis zu etwa zwölf Fuss in der Höhe gewachsen war,
ist ebenfalls aufgefallen.
Die dicken, fleischigen Blätter
mengen sich an den Spitzen der dunkelgrünfarbenen Zweige,
an deren Enden sich dichte Cluster von Blüten befanden.
Und wir haben  bemerkt, dass einige der Samen
auf die zerklüfteten Stämme der gigantischen Farnkräuter fielen
und dort keimten.

Das mässige Wetter,
allerdings stark unterschiedlich
je nachdem, ob man die trockenen Küstengebiete
oder die nasseren binnenländischen Zonen betrachtet,
ähnelt sehr dem mediterranen Klima
und wenig überhaupt demjenigen des Festlands von Afrika
auf demselben Breitengrad;
das gebirgige Terrain und der Passatwind
üben eine ausgleichende Wirkung aus.

Wir blieben viele Tage auf diesem erdigen Paradies.
Nach der langen und strapazierenden Schifffahrt von dem Orient
gewannen meine Männer ihre Gesundheit und Stärke wieder,
und wir stockten unseren Vorrat
an Lebensmitteln und Wasser auf.
Am oberen Teil des fruchtbaren, mit Felsen versehenen Tals und
unten an einem kleinen, herzförmigen Wasserfall
säten wir viele Zitronen-, Orangen- und Limonensamen und Gemüse.
Und auf dem Hochland hinterliessen wir ein paar Ziegen,
um nachfolgenden Besuchern frische Fleisch und Milch
zur Verfügung zu stellen.

Da eine unserer Galeonen mit den furchtbaren Schiffswürmern,
die bis zur Länge und zum Umfang eines männlichen Arms wachsen,
befallen wurde, war sie nicht mehr segeltüchtig
und musste abgebrochen werden.
Ihre Munition und Talje wurde ans Land gezogen,
und mit deren Holz bauten meine Männer eine kleine Kapelle
an der Mündung des fruchtbaren Tals,
das daraufhin als Chapel Valley bekannt wurde.

( Deutsche Übersetzung von Nigel Panes, nigel.panes@bluewin.ch )



Calico :
nach Calicot, Indien, genannt, wo das Gewebe herkommt. Selbst in der vorchristlichen Zeit wurde es von Historikern erwähnt. Es handelt sich dabei um einen einfach gewebten, ein- oder mehrfarbenen Stoff aus Baumwolle, der eine gleiche Anzahl von Kettenfäden und Querfäden aufweist. Die Stoffart wurde wegen ihres feinen Gefüges und ihrer schönen Farben von damaligen Reisenden gelobt.